Die Grundvoraussetzung
FES erregt den Nerv, der den Muskel versorgt (wie FES wirkt). Deshalb kommt es darauf an, wo die Ursache der Lähmung liegt.1
Bei welchen Erkrankungen FES eingesetzt wird
Am häufigsten geht es um eine Fußheberschwäche beim Gehen. Wie gut der Nutzen belegt ist, unterscheidet sich je nach Erkrankung. Einen Überblick über die Forschung gibt Was ist FES?
Schlaganfall
Am besten untersucht. Bei Fußheberschwäche bewertet die britische Behörde NICE die Belege als ausreichend für den Einsatz. Die deutsche Leitlinie ReMoS empfiehlt Orthesen mit Elektrostimulation zur Verbesserung des Gehens.2,5
Eine Meta-Analyse fand mäßige Verbesserungen bei Alltagsaktivitäten.6
Multiple Sklerose
Mit eingeschaltetem Gerät gingen Menschen mit MS auf kurzen Strecken etwas schneller. Ein Trainingseffekt auf die Gehgeschwindigkeit ohne Gerät zeigte sich nicht.7
Die Studienqualität wurde als mäßig bis schwach eingestuft.7
Querschnittlähmung
Fachleute empfehlen, FES bei allen geeigneten Menschen mit Querschnittlähmung als Teil der lebenslangen Rehabilitation in Betracht zu ziehen – etwa als Bewegungstraining.8
FES kann hier auch helfen, Organfunktionen zu unterstützen und Folgeerkrankungen zu behandeln.8
Zerebralparese
Bei Kindern und Jugendlichen kann FES die Fußhebung beim Gehen verbessern. Ob sich der Alltag spürbar verbessert, ist noch nicht ausreichend belegt.9
Eine Studie fand FES nicht schlechter als eine Orthese – betont aber eine sorgfältige Auswahl und eine Testphase.10
Was außerdem eine Rolle spielt
Die Diagnose allein entscheidet nicht. Ob FES sinnvoll ist, wählt idealerweise ein fachübergreifendes Rehabilitationsteam aus.2,3 Typische Gesichtspunkte sind:
- Beweglichkeit: Das Gelenk muss sich ausreichend bewegen lassen. Bei einer Versteifung (Kontraktur) kann FES die Bewegung nicht auslösen.4
- Ausprobieren: Vor einer dauerhaften Versorgung sollte getestet werden, ob FES im Alltag tatsächlich hilft. Vor einem Implantat sollte die Stimulation über Hautelektroden bereits Nutzen gezeigt haben.4,10
- Zeitpunkt: Für implantierte Systeme nennt eine deutsche Studie als Voraussetzung, dass die Fußheberschwäche seit mindestens sechs Monaten besteht und die Rehabilitation abgeschlossen ist.4
- Gehtempo: In einer kleinen Studie mit Menschen mit MS brachte FES nur denjenigen einen Vorteil, die langsam gingen. Wer bereits zügig ging, wurde mit FES nicht schneller.11
- Begleitung: Wichtig sind eine gute Einweisung und regelmäßige Kontrollen, denn die Wirkung kann sich im Lauf der Zeit verändern.10
Wann FES nicht infrage kommt
In diesen Situationen wird FES laut einer regionalen Versorgungsrichtlinie des britischen Gesundheitsdienstes NHS aus dem Jahr 2024 nicht eingesetzt.3 Die genauen Ausschlussgründe können je nach Gerät und Einrichtung abweichen. Maßgeblich sind die Gebrauchsanweisung und die ärztliche Einschätzung.
Herzschrittmacher und andere Implantate
Bestimmte medizinische Implantate, zum Beispiel ein Herzschrittmacher, schließen FES aus. Sprechen Sie jedes Implantat an.3
Schwangerschaft
Bei bestehender oder möglicher Schwangerschaft wird FES nicht eingesetzt, weil die Wirkung auf das ungeborene Kind nicht bekannt ist.3,4
Haut an der Elektrodenstelle
Wunden, gereizte Haut, ein schlechter Hautzustand oder dauerhafte Schwellungen (Ödeme) dort, wo die Elektroden sitzen sollen.3
Akute Thrombose
Eine aktive tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene).3
Schlecht eingestellte Epilepsie
Nach einer ausreichend langen Zeit ohne Anfälle kann FES unter Umständen wieder infrage kommen.3,4
Tumor im Stimulationsbereich
Die Stimulation kann die Durchblutung erhöhen, was ein Tumorwachstum begünstigen könnte.3
Freiliegendes Metall
Offen liegende Metallteile aus orthopädischen Operationen im Bereich der Stimulation.3
Bei implantierten Systemen kommen weitere Gründe hinzu, etwa ein hohes Narkoserisiko oder wenn eine Einwilligung in die Operation nicht möglich ist.4 In Studien mit Kindern wurden als Nebenwirkung der Stimulation über die Haut vor allem Hautreizungen beschrieben.9
Das Gespräch vorbereiten
Diese Fragen können Ihnen helfen, das Gespräch mit Ärztin, Arzt oder Therapieteam vorzubereiten. Nehmen Sie gern eine Angehörige oder einen Angehörigen mit. Fragen an Sanitätshaus oder Versorger finden Sie unter Anbieter im Vergleich.
Zur Eignung
- Liegt die Ursache meiner Lähmung in Gehirn oder Rückenmark?
- Welches Ziel wäre für mich realistisch – zum Beispiel sicherer gehen oder greifen?
- Was spricht bei mir für FES, was für eine andere Versorgung wie eine Orthese?
- Kann ich FES vorher ausprobieren?
Zur Sicherheit
- Spricht etwas aus meiner Krankengeschichte dagegen – etwa ein Implantat, eine Schwangerschaft, Hautprobleme, Epilepsie oder eine Thrombose?
- Kann ich das Gerät selbst anlegen, oder brauche ich dabei Hilfe?
- Wer stellt das Gerät ein, schult mich und ist bei Problemen erreichbar?
- Wie oft sollte überprüft werden, ob FES mir weiterhin hilft?
Noch Fragen offen?
Zum Beispiel, wie sich die Anwendung anfühlt oder wer die Kosten übernimmt.
Quellen
- ÜbersichtsarbeitPeckham PH, Knutson JS. Functional electrical stimulation for neuromuscular applications. Annual Review of Biomedical Engineering. 2005;7:327–360. Zur Quelle
- Britische BewertungNational Institute for Health and Care Excellence (NICE). Functional electrical stimulation for drop foot of central neurological origin. HealthTech guidance HTG178 (vormals Interventional procedures guidance IPG278). 2009. Zur Quelle
- Versorgungsrichtlinie (NHS)NHS Cheshire and Merseyside Integrated Care Board. Clinical Commissioning Policy CMICB_Clin064: Foot Drop, Functional Electrical Stimulation (FES). Version 1, März 2024. Zur Quelle
- Klinische StudieBuentjen L, Kupsch A, Galazky I et al. Long-term outcomes of semi-implantable functional electrical stimulation for central drop foot. Journal of NeuroEngineering and Rehabilitation. 2019;16:72. Zur Quelle
- Deutsche LeitlinieReMoS-Arbeitsgruppe (Dohle C, Quintern J, Saal S, Stephan KM, Tholen R, Wittenberg H). S2e-Leitlinie „Rehabilitation der Mobilität nach Schlaganfall (ReMoS)“ – Kurzfassung der Konsensusversion. Neurologie & Rehabilitation. 2015;21(4):179–184. Zur Quelle
- Meta-AnalyseHowlett OA, Lannin NA, Ada L, McKinstry C. Functional electrical stimulation improves activity after stroke: a systematic review with meta-analysis. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation. 2015;96(5):934–943. Zur Quelle
- Meta-AnalyseMiller L, McFadyen A, Lord AC et al. Functional electrical stimulation for foot drop in multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis of the effect on gait speed. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation. 2017;98(7):1435–1452. Zur Quelle
- ÜbersichtsarbeitHo CH, Triolo RJ, Elias AL et al. Functional electrical stimulation and spinal cord injury. Physical Medicine and Rehabilitation Clinics of North America. 2014;25(3):631–654. Zur Quelle
- Systematische ÜbersichtMoll I, Vles JSH, Soudant DLHM et al. Functional electrical stimulation of the ankle dorsiflexors during walking in spastic cerebral palsy: a systematic review. Developmental Medicine & Child Neurology. 2017;59(12):1230–1236. Zur Quelle
- Randomisierte StudieMoll I, Marcellis RGJ, Fleuren SM et al. Functional electrical stimulation during walking in children with unilateral spastic cerebral palsy: a randomized cross-over trial. Developmental Medicine & Child Neurology. 2024;66(5):598–609. Zur Quelle
- Klinische StudieMiller L, Rafferty D, Paul L, Mattison P. The impact of walking speed on the effects of functional electrical stimulation for foot drop in people with multiple sclerosis. Disability and Rehabilitation: Assistive Technology. 2016;11(6):478–483. Zur Quelle